Socius Frühstück Februar 2016:

Die ersten Siedlungs- und Wohnassistentinnen der Schweiz
Anlaufstelle für die Älteren mitten im Quartier

Die Gemeinde Horgen im Kanton Zürich setzt eine neuartige Siedlungs- und Wohnassistenz ein, um ihre alterspolitischen Ziele zu erreichen. Dabei sind zwei Mitarbeiterinnen in den Quartieren präsent und suchen aktiv den Kontakt zu den Bewohnerinnen und Bewohner. Die Fachfrauen tragen mit Beratung und Vernetzung dazu bei, dass Betagte selbständig in ihren Wohnungen leben können. Am ersten Socius-Frühstück vom Februar 2016 in Bern und Zürich gaben die Horgner Siedlungs- und Wohnassistentinnen Elke Wurster und Rebekka Casillo Einblick in die Chancen und Herausforderungen ihrer Arbeit. 

Die Anruferin klang besorgt. Sie sei von einer älteren Nachbarin um Hilfe gebeten worden, könne diese aber nicht leisten, weil sie sich um ihren demenzkranken Ehemann kümmere, sagte die Frau. Die Siedlungs- und Wohnassistentin nahm Kontakt mit der hilfesuchenden Nachbarin auf und lotete deren Bedürfnisse aus. «Es ging darum zu schauen, was die Seniorin braucht, damit sie sich zuhause wieder wohl und sicher fühlt», sagt Rebekka Casillo, eine der beiden Siedlungs-  und Wohnassistentinnen in Horgen am Zürichsee. Ihre Kollegin Elke Wurster berichtet von einer anderen Anruferin, einer Tochter, die als pflegende Angehörige betagter Eltern an ihre Grenzen geraten war. Zusammen mit der Tochter besuchte Wurster das ältere Paar, gemeinsam diskutierte man Unterstützungslösungen zum Verbleib der Eltern in der Wohnung und zur Entlastung der Tochter.

In einem weiteren Fall fiel einer Siedlungs- und Wohnassistentin vor Ort auf, dass einem Mieter in der Alterssiedlung wegen unbezahlter Rechnungen der Strom abgestellt werden sollte. Sie suchte das Gespräch mit dem gemeindeeigenen Elektrizitätswerk, konnte dieses für die Situation der betagten Kundschaft sensibilisieren und mit dem betroffenen Mieter anschauen, wo das Problem lag. Alle diese Beispiele aus dem Arbeitsalltag zeigen: die Horgner Siedlungs- und Wohnassistenz ist mittendrin. Die zwei Fachfrauen, die je eine 80-Prozent-Stelle innehaben, sind Ansprech-  und Vertrauenspersonen für die ältere Quartierbevölkerung. Ihre Büros befinden sich vor Ort in den beiden Alterssiedlungen der Gemeinde und sind offen. Wer einen grösseren oder kleineren Rat sucht, ein persönliches Anliegen hat oder eine Information benötigt, kann spontan vorbeikommen. Das werde sehr geschätzt, sagen Elke Wurster und Rebekka Casillo.

Support organisieren und erhalten

Die Fachfrauen haben ihre Arbeit 2014 aufgenommen und gehören zu der im gleichen Jahr aufgebauten Abteilung Alter und Gesundheit in der Horgner Gemeindeverwaltung. Diese betreibt eine Anlaufstelle für die ältere Bevölkerung in ganz Horgen, in deren Team auch die Siedlungs- und Wohnassistentinnen vertreten sind. Hintergrund ist das 2008 überarbeitete Altersleitbild der Zürcher Gemeinde mit ihren rund 20'000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Darin setzt sich Horgen das Ziel, selbständiges Wohnen bis ins hohe Alter in vertrauter Umgebung zu unterstützen und den ambulanten Bereich zu stärken. Aufgabe der Siedlungs- und Wohnassistenz ist es zum einen, die Wartelisten für die Alterswohnungen zu führen und über die Vergabe zu entscheiden. Zum andern klärt sie allfälligen Hilfebedarf ab und organisiert falls nötig den Support – sei es über Angehörige, Nachbarn oder professionelle Dienste. So wird den älteren Menschen geholfen, sich im Dickicht der Dienstleistungs- und Beratungsangebote zurechtzufinden. Die Assistenz koordiniert und vermittelt die Unterstützungsleistungen. Dabei kann sie auch auf die Horgner Nachbarschaftshilfe zurückgreifen, einen Freiwilligen-Pool, der in der Gemeinde bereits seit einigen Jahren gut funktioniert. «Ein äusserst wertvoller Partner für uns», loben die Siedlungs- und Wohnassistentinnen.

Ihr Ziel ist es, ein tragfähiges Netzwerk aus Bezugspersonen und Fachstellen herzustellen, dank dem die Betagten länger in der eigenen Wohnung leben können. Oft geht es laut Elke Wurster und Rebekka Casillo darum, «Übergänge zu gestalten» und die Situation neu organisieren zu helfen, wenn der Pflege- und Hilfebedarf zunehme, und sei es auch nur vorübergehend. Zum Grundsatz gehört es, bei der Unterstützung möglichst auch Fähigkeiten in der Siedlung selber zu mobilisieren. «Im Gespräch stossen wir auf versteckte Ressourcen», sagt Rebekka Casillo, «die Menschen überraschen uns mit Ideen, wie sie einander zur Seite stehen können – vom Knöpfeannähen bis zum Hinaufbringen der Zeitung.»

Quartier als «sorgende Gemeinschaft»

Die Siedlungs- und Wohnassistenz folgt einem sozialräumlichen Ansatz, bei dem das Quartier als sorgende Gemeinschaft eine wichtige Rolle spielt. Das Quartier als Wohnumfeld sei der wichtigste soziale Raum für ältere Menschen, unterstreichen Elke Wurster und Rebekka Casillo. Sie sind im Sozialraum Quartier bewusst aufsuchend tätig und an Anlässen und Treffpunkten präsent. Darüber hinaus fördern sie gezielt das Sozialleben. «Vielen fällt es im Alter nicht mehr so leicht, Kontakte zu knüpfen», weiss Elke Wurster. Die Siedlungsassistentinnen organisieren partizipative Aktivitäten, wie etwa ein Frühstück in der lokalen Badeanstalt. Oder sie unterstützen Anlässe organisatorisch, beispielsweise einen Filmtreff von Seniorinnen.

Getragen wird die in dieser Kombination neuartige Siedlungs- und Wohnassistenz derzeit noch von der Gemeinde. In Zukunft wird sie teilweise durch einen Zuschlag auf den Mietzinsen der Alterswohnungen finanziert. Wirtschaftlich lohnt sich die Investition, wenn die Gemeinde dadurch stationäre Pflegekosten sparen kann. Diese betragen in Horgen jährlich fast fünf Millionen Franken – Tendenz steigend, wie überall aufgrund der alternden Bevölkerung. Eine wissenschaftliche Auswertung während der Pilotphase kam zum Schluss, dass «von neutralen oder sogar positiven finanziellen Effekten» der Horgner Siedlungs- und Wohnassistenz auszugehen sei. Es gelingt also, älteren Menschen einen längeren Verbleib zuhause zu ermöglichen. Einen weiteren Pluspunkt sehen die Siedlungs- und Wohnassistentinnen darin, dass sie wichtige Anliegen älterer Menschen in die Verwaltung einspeisen können, wie etwa die grosse Nachfrage nach altersgerechten Wohnungen.

In der Praxis stellen sich auch Herausforderungen. So ist es laut den Siedlungs- und Wohnassistentinnen oft eine «komplexe Aufgabe», Bedürfnisse und Angebote zusammenzubringen. Ihre «Macher-Energie» trifft zuweilen auf Betagte, die es nicht gewohnt sind, Bedürfnisse zu äussern, und sich scheuen, Hilfe anzunehmen. Auch Furcht vor Fremdbestimmung trete auf. Zudem sind fragile Hochaltrige und ältere Migrantinnen und Migranten schwer zu erreichen. Durch steten Austausch mit vielen Partnern – Vereine, Liegenschaftsverwaltungen, Arztpraxen, Spitäler, Heime, Spitex, Kirchgemeinden – versuchen die Horgner Siedlungs- und Wohnassistentinnen, ihren Bekanntheitsgrad zu erhöhen.

Die Gemeinde Horgen und das regionale Kompetenzzentrum Akutgeriatrie nehmen mit dem Projekt «Altersarbeit umfassend gedacht» am Programm Socius der Age-Stiftung teil. Die Arbeit der Siedlungs- und Wohnassistenz ist darin eines von drei Teilprojekten. Ein weiteres Teilprojekt befasst sich mit der Wirksamkeitsanalyse der Altersarbeit der Gemeinde. Das dritte Teilprojekt zielt darauf ab, die medizinisch-pflegerische Versorgung mit der sozialen zu verbinden. Die Übergänge zwischen Spital, ambulanter und stationärer Pflege sollen koordiniert werden. Geplant ist, die Zusammenarbeit aller Beteiligten auszubauen, inklusive Hausärzte. Grosses Gewicht erhält die soziale und alltagspraktische Unterstützung.

Kontakt: Siedlungs- und Wohnassistentin Elke Wurster, 044 725 33 44, elke.wurster@horgen.ch; Siedlungs- und Wohnassistentin Rebekka Casillo, 044 725 24 82, rebekka.casillo@horgen.ch

Impression vom Socius Frühstück.
 
Elke Wurster
 
Rebekka Casillo